Zwischen Bürgerbeteiligung, Erinnerungskultur und der Frage nach einem verantwortungsvollen Umgang mit Geschichte

Die beiden öffentlichen Informationsveranstaltungen zur möglichen Umbenennung der Langemarckstraße haben gezeigt, wie groß das Interesse an dem Thema ist – und wie differenziert viele Anwohnerinnen und Anwohner, Gewerbetreibende und weitere Interessierte die Diskussion führen. Rund um die Frage, ob die Straße künftig Georg-Elser-Allee heißen soll, wurden zahlreiche Argumente ausgetauscht: sachlich, kontrovers und mit spürbarer Beteiligung.

Erste Veranstaltung: Historische Einordnung und breite Beteiligung
Bereits die erste Veranstaltung setzte trotz eines holprigen Starts ein deutliches Signal. Die weitere Durchführung des Abends wurde von uns am Ende dennoch positiv wahrgenommen: Im Verlauf der Veranstaltung wurden viele sachliche Argumente für den Erhalt des Namens vorgetragen – von Betroffenen und Gästen ebenso wie durch fachliche Beiträge von Prof. Dr. Konrad Elmshäuser vom Staatsarchiv Bremen, Prof. Dr. Stefan Goebel, Daniel Tilgner sowie Vertretern der Handelskammer und einem Sprecher der Historischen Kommission der SPD.

Besonders bemerkenswert war, dass Prof. Dr. Stefan Goebel eigens aus England angereist war, um die Perspektive der Gemeinde Langemark-Poelkapelle und den heutigen europäischen Erinnerungszusammenhang einzubringen.
Daniel Tilgner machte in seinem Vortrag deutlich, wie sich der Umgang mit Langemarck verändert hat: weg vom früheren Missbrauch als Kriegs- und Propagandamythos, hin zu Einordnung, Begegnung und gemeinsamer Gedenk- und Friedensarbeit. Seine Botschaft brachte er so auf den Punkt: „Eine Langemarckstraße ist kein Problem, sondern eine internationale Chance.“ Insgesamt entstand der Eindruck, dass sich an diesem Abend mehr Stimmen für den Erhalt der Langemarckstraße aussprachen.

Vertiefung der Debatte in der zweiten Veranstaltung
In der zweiten Veranstaltung wurde diese Debatte weiter vertieft. Dabei zeigte sich, dass sich die Diskussion nicht allein um Kosten und organisatorische Belastungen drehte. Zwar machten besonders Gewerbetreibende deutlich, dass eine Umbenennung erhebliche praktische Folgen haben kann – von Adressänderungen über neue Geschäftsausstattung bis hin zu möglichen Problemen bei Formularen, Verträgen oder Anträgen. Zugleich wurde aber auch deutlich, dass viele Beiträge historisch argumentierten und ausdrücklich für eine bewusste Auseinandersetzung mit der Geschichte eintraten.
Ein wiederkehrender Punkt war die Frage, ob Erinnerungskultur durch eine Umbenennung tatsächlich gestärkt wird – oder ob gerade der bestehende Name Anlass sein kann, Geschichte sichtbar zu erklären. Mehrere Teilnehmende verwiesen darauf, dass Orte wie Stolpersteine, Denkmäler, der Bunker Valentin oder auch Straßennamen Fragen auslösen können. Wenn diese Fragen beantwortet werden, entsteht Erinnerung im Alltag: nicht abstrakt, sondern konkret vor Ort.

In diesem Zusammenhang wurde mehrfach auf die Gemeinde Langemark-Poelkapelle in Belgien verwiesen. Dort wird die Erinnerung an den Ersten Weltkrieg intensiv gepflegt. Nach den vorgetragenen Informationen spricht sich die Region um Langemark-Poelkapelle bei Ypern für gemeinsame Gedenk- und Friedensarbeit aus. Auch der Hinweis von Prof. Dr. Stefan Goebel wurde aufgegriffen, wonach die Langemarckstraße heute als ausgestreckte Hand Belgiens verstanden werden könne – nicht allein als belasteter Name, sondern als möglicher Ort der Kontextualisierung, der Versöhnung und des gemeinsamen europäischen Gedenkens.

Als Beispiel für einen solchen Umgang wurde in der zweiten Veranstaltung auch Bad Wildungen genannt. Lisa Beutler, Leiterin des Kulturamtes und der Städtischen Museen Bad Wildungen, war dafür eigens nach Bremen gekommen und berichtete über den dortigen Umgang mit der eigenen Langemarckstraße. Auch in Bad Wildungen wurde öffentlich diskutiert, historisch aufgearbeitet und der Austausch mit dem belgischen Langemark gesucht. Am Ende blieb der Name erhalten. Dieses Beispiel zeigt, dass Beibehaltung nicht Gleichgültigkeit bedeuten muss, sondern auch Ergebnis einer reflektierten Entscheidung sein kann.

Unbestritten blieb in beiden Veranstaltungen die historische Bedeutung Georg Elsers. Mehrere Beiträge machten deutlich, dass seine Würdigung als Widerstandskämpfer wichtig und richtig ist. Kritisch gesehen wurde jedoch, ob ausgerechnet die Umbenennung der Langemarckstraße dafür der geeignete Weg ist. Als Alternative wurde vorgeschlagen, Georg Elser an anderer Stelle im Stadtteil oder in Bremen sichtbar zu ehren – etwa durch einen eigenen Platz, eine Straße, einen Park oder ein Denkmal.

Auch die Schreibweise und historische Einordnung des Namens spielte eine Rolle. Der Hinweis aus Münster zeigt, dass der Name „Langemark“ dort bewusst auf den belgischen Ort und den Soldatenfriedhof bezogen wird – nicht auf den späteren propagandistischen Missbrauch des Langemarck-Mythos. Daraus ergibt sich die weitergehende Frage, ob eine historisch belastete Bezeichnung zwangsläufig verschwinden muss oder ob sie durch Erklärung, Kontext und Bildungsarbeit verantwortungsvoll eingeordnet werden kann.

Mehr als eine Namensfrage
Das Stimmungsbild beider Veranstaltungen wurde von mehreren Beteiligten als deutlich überwiegend für den Erhalt der Langemarckstraße beschrieben. Entscheidend ist dabei jedoch: Viele der vorgetragenen Argumente zielten nicht auf ein Vergessen der Geschichte, sondern auf einen bewussteren Umgang mit ihr. Der Wunsch nach Erhalt wurde vielfach mit dem Anspruch verbunden, die Geschichte der Straße besser sichtbar zu machen und die europäische Erinnerungsdimension stärker herauszustellen.
Damit bleibt die Entscheidung mehr als eine reine Namensfrage. Sie betrifft den Umgang mit Geschichte im öffentlichen Raum, die Belastungen für Betroffene und die Frage, welchen Einfluss die Bürgerbeteiligung auf die kommende Entscheidung nehmen wird. Ein möglicher Weg könnte darin liegen, die Langemarckstraße nicht umzubenennen, sondern sie klarer historisch einzuordnen – als Ort, an dem Erinnerung, Aufklärung und Verantwortung sichtbar bleiben.

Weiterführende Beiträge:

Mehrheit für alten Straßennamen – Weser Kurier vom 23.03.2026

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